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Michael Rosenberger

Tiere bestatten?

Theologische Überlegungen zu einem gesellschaftlichen Trend

Seit rund 12 000 Jahren gibt es rituelle Bestattungen von Tieren. Die früheste belegte Tierbestattung fand in Ain Mallaha statt, rund 25 Kilometer nördlich des Sees Genezareth in Israel1. Allerdings waren die dort begrabenen Hunde „Beigaben“ für die bestatteten Menschen, wie man auch im mittelalterlichen Europa Mächtigen und Reichen Pferde oder Hunde beigab. Diese Tiere tötete man, um sie gleichzeitig mit ihrem Herrn begraben zu können. Tierbestattungen um der Tiere selbst willen finden wir zuerst in Zypern und Ägypten - jedoch auch das bereits vor 10 000 Jahren.

Gegenwärtig ist die Zahl der Tierbestattungen in den Industrieländern stark ansteigend. In England und den USA gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts Tierfriedhöfe - viel länger als in anderen Ländern. Doch mittlerweile holen einige Länder mit Riesenschritten auf. In Deutschland entstanden in den letzten beiden Jahrzehnten rund 120 Tierfriedhöfe, zusätzlich gibt es etwa 180 TierbestatterInnen und zwanzig Tierkrematorien. Wie für den Menschen werden auch für das Tier alle denkbaren Formen der Bestattung angeboten: Erd- und Feuerbestattungen, Seebestattungen, Weltraumbestattungen, bei denen die Urne im Weltraum ausgesetzt wird, und Diamantbestattungen, bei denen die Asche des verstorbenen Tieres zu einem Diamanten gepresst wird.

Der kometenhafte Aufstieg von Tierbestattungen im deutschen Sprachraum, der eine erstaunliche Gegenbewegung zum aktuellen Rückgang von Erdbestattungen und individuell identifizierbaren Gräbern von Menschen darstellt, legt nahe, dass es sich bei Tierbestattungen um ein „Zeichen der Zeit“ (GS 4) handelt. Dieses zu erkennen und im Licht des Evangeliums zu deuten gehört zu den vorrangigen Aufgaben der Kirchen. Dabei lässt der Kontext der Pastoralkonstitution gut erkennen, wie sich das Zweite Vatikanische Konzil einen solchen Deutevorgang vorstellt: nicht abwertend und abwehrend, sondern wertschätzend und ergebnisoffen. Denn zumindest das Konzil traut dem „sensus fidei“ (LG 12), dem Gespür der Glaubenden für das, was der christlichen Botschaft entspricht, eine Menge zu.

Handelt es sich hierbei nur um ein Bedürfnis vereinsamter Menschen, für die Tiere die einzigen AnsprechpartnerInnen und GefährtInnen sind, weil sie keine mitmenschlichen Kontakte haben? Teilweise wird das so sein, wie das folgende Beispiel belegt: Auf dem Hartsdale Pet Cemetery in New York befindet sich das Grab von Jack Pepper und seinen drei Heimtieren Buford, Timothy und Marie, von denen er durch die Grabinschrift bezeugt: „My only family, my only companions, my only friends“. Doch mindestens ebenso oft ist das Heimtier GefährtIn und Familienmitglied einer Familie mit mehreren Kindern - und auch diese sucht zunehmend nach der Möglichkeit eines rituellen Abschieds, wenn das Tier gestorben ist. Die Frage der Tierbestattungen auf das Problem vereinsamter, womöglich schrulliger oder gar verkrachter Menschen zu reduzieren, wird dem Phänomen also nicht gerecht.

Der folgende Beitrag möchte daher die bereits 2015 von Dirk Preuß in dieser Zeitschrift aufgeworfene Frage vertiefen, unter welchen Umständen und mit welchen Ritualen eine christliche Bestattung von Tieren möglich ist2. Nach einer sehr groben Sondierung der kirchlichen Stimmungslage (Sehen) werden zentrale theologische Erkenntnisse über die Stellung des Tieres in der Schöpfung dargelegt (Urteilen), ehe konkrete liturgische und pastorale Überlegungen zu handfesten Schlussfolgerungen führen (Handeln).

Die Skepsis der Kirchen

Die christlichen Kirchen meiden derzeit noch die Durchführung religiöser Tierbestattungen - wenn es auch keine lehramtlichen Stellungnahmen dagegen gibt. Als im Sommer 2011 der evangelische Pfarrer Jens Feld in einem Buch den Vorschlag machte, christliche Tierbestattungen anzubieten, erntete er von Seiten beider großen Kirchen in Hessen heftigen Widerspruch3. Tiere hätten zwar eine Würde, ihr Tod erzeuge Trauer bei den zugehörigen Menschen. Das spreche für eine seelsorgliche Begleitung der Menschen, nicht jedoch für ein Begräbnis der Tiere, so die Pressestelle des Bistums Limburg, denn das Begräbnis stelle das Personsein des Menschen in den Mittelpunkt, und Person seien Tiere nicht, „weil sie nicht selbstbestimmt und frei handeln und entscheiden können“4.

Tiere bräuchten keine Religion5. Die Menschen begleiten, aber die Tiere nicht begraben, das sei daher die Maxime der evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, so deren Pressesprecher Stephan Krebs. Gleichwohl gebe es dafür „keine Regeln und Vorgaben. Wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin aus der persönlichen seelsorgerlichen Verantwortung heraus ein solches Abschiedsritual für sinnvoll hält, kann er oder sie dies tun.“ Einzige Bedingung: „Das Ritual müsste sich deutlich von der Bestattung von Menschen unterscheiden.“6 Enger sieht dies Oberkirchenrätin Christine Noschka, Mitglied der Kirchenleitung der evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, in einem Brief an die Bistümer Mainz, Limburg und Trier:

„Nach biblischem Zeugnis und christlichem Verständnis kommt nur dem Menschen Person-Sein zu. Das unterscheidet den Menschen grundlegend vom Tier. Eine liturgisch gestaltete Bestattung würde diese Differenz verwischen.“

In der Ablehnung einer christlichen Tierbestattung bestehe zwischen evangelischer und katholischer Kirche Einigkeit7. „Selbstverständlich“, so Noschka, gehöre es zum seelsorglichen Auftrag der Kirche,

„Menschen bei der Trauer um ein geliebtes Haustier wie in anderen Situationen beizustehen, sie zu begleiten und zu unterstützen. Die seelsorgliche Aufgabe schließe aber mit ein, dass man den Trauernden helfen müsse, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verstehen.“8

Zumindest die US-amerikanische Episkopalkirche scheint sich aber in eine neue Richtung zu bewegen. Zwar konnte sich ihre Bischofskonferenz beim 77. Generalkonvent im Juli 2012 nicht entschließen, ein offiziell autorisiertes liturgisches Buch für Tierbestattungen herauszugeben, das die Liturgiekommission in ihrem Auftrag erarbeitet hatte9. Aber immerhin beschloss sie, einzelne Gebete aus diesem Buch ohne Autorisierung zur Verwendung bei Tierbestattungen zu veröffentlichen10. In Fortführung dieser Bemühungen haben einzelne Diözesen und eine Reihe von Pfarreien der Episkopalkirche ein vollständiges Formular für einen Wortgottesdienst anlässlich des Todes eines Tieres auf ihre Homepage gestellt, allerdings keinen Ritus für eine Tierbestattung.

Die theologische Sicht der Tiere heute

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist viel kleiner, als noch vor wenigen Jahrzehnten gedacht. Immer deutlicher erkennen wir, wie großartige Fähigkeiten Tiere besitzen und dass es praktisch keine Fähigkeiten gibt, die allein dem Menschen vorbehalten sind - wenn auch der Mensch eine Quantität von Fähigkeiten besitzt, wie sie in dieser Fülle kein Tier haben dürfte11. Die Selbstbestimmtheit im eigenen Handeln wird man aber zumindest höher entwickelten Tieren kaum mehr absprechen können.

Die aus christlicher Sicht entscheidende Frage ist jedoch nicht, welche Fähigkeiten Tiere haben, sondern wie es um die Beziehung Gottes zu ihnen und ihre Beziehung zu Gott steht. Und hier können wir heute unbefangener als früher feststellen12: Das Tier hat

1. einen unmittelbaren Gottesbezug, denn es ist von Gott gut erschaffen, für gut befunden und in die Erlösung einbezogen worden, wie Papst Franziskus in seiner Öko-Enzyklika betonte:

„Jedes Geschöpf ist also Gegenstand der Zärtlichkeit des Vaters, der ihm einen Platz in der Welt zuweist. Sogar das vergängliche Leben des unbedeutendsten Wesens ist Objekt seiner Liebe, und in diesen wenigen Sekunden seiner Existenz umgibt er es mit seinem Wohlwollen.“ (LS 87)

Auf diese Weise wohnt Gott selbst in jedem Geschöpf und offenbart sich durch dieses der Welt;

2. die Möglichkeit, durch seinen Existenzvollzug seinen Gott und Schöpfer zu preisen und zu verherrlichen (LS 33 u. 69);

3. einen unmittelbaren Bezug zum inkarnierten Christus, denn Christus ist „Fleisch“ geworden, und das heißt: Er ist Geschöpf geworden. Die deutsche Übersetzung des Fachbegriffs „Inkarnation“ mit „Menschwerdung“ ist schlichtweg falsch, weil sie eine Reduzierung der Geschöpfe auf den Menschen impliziert. „Inkarnation“ ist „Einfleischung“, „Geschöpfwerdung“;

4. einen unmittelbaren Bezug zum leidenden Christus, denn sein Leiden ist ein Leiden mit und für die gesamte Schöpfung. Bei seiner Kreuzigung verfinstert sich die Sonne, und das zur sechsten Stunde, wo sie am höchsten steht. Die ganze Schöpfung ist so hineingenommen in das Leiden Christi;

5. eine Hoffnung auf Erlösung, denn wenn Christus in seiner Fleischwerdung das Geschöpfsein angenommen hat, ist jedes Geschöpf erlöst - ganz nach dem klassischen Glaubenssatz „alles, was (von Gott) angenommen ist, ist auch erlöst.“13

Bis vor wenigen Jahren schien in Theologie und Kirche unumstößlich klar, dass nur Menschen zur Auferstehung gelangen. Doch in der Zwischenzeit hat sich der Wind gedreht. Das hat mit einem Kronzeugen zu tun, dessen Glaube an die Auferstehung der Tiere fast 2000 Jahre lang übersehen wurde. Es ist kein Geringerer als der Apostel Paulus. Im Brief an die Römer (8, 18-23) schreibt er:

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne und Töchter offenbar werden.“

Wenn Paulus von der gesamten Schöpfung sagt, dass sie stöhnt und seufzt, dann stellt er dezidiert nicht nur die menschliche, sondern auch jede nichtmenschliche Kreatur unter das Kreuz Christi: Im Leiden und Sterben, aber auch in der Hoffnung auf Auferstehung und Vollendung. Biblisch ist von der Genesis bis zu Paulus klar, dass die Tiere von Gott in die Erlösung einbezogen sind. Bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert wird diese Erlösung für Mensch und Tier ausschließlich irdisch gedacht, als ein Paradies auf Erden, in dem der Schöpfungsfrieden wahr wird. Dann erst kommt der Glaube an die Auferstehung in einer neuen, anderen Welt hinzu. Gott ist treu, und daher lässt er seine Geschöpfe nicht im Stich, sondern reißt sie aus dem Tod heraus und befreit sie zu einem anderen, unvergänglichen Leben. Angesichts der grenzenlosen Liebe Gottes ist für Paulus klar, dass diese große Verheißung nicht auf die Menschheit beschränkt sein kann.

In „Laudato si’“ (2015) ist Papst Franziskus voller Hoffnung im Blick auf die Zukunft aller Geschöpfe. Er entwickelt das Bild einer Prozession, in der menschliche und nichtmenschliche Geschöpfe gemeinsam durch diese Zeit gehen - unterwegs zur Herrlichkeit des Himmels: „Gemeinsam mit allen Geschöpfen gehen wir unseren Weg in dieser Welt.“ (LS 244) Alle Geschöpfe „gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist [...]. Denn der Mensch […] ist berufen, alle Geschöpfe zu ihrem Schöpfer zurückzuführen.“ (LS 83)

„Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen und etwas haben wird, um es den endgültig befreiten Armen zu bringen.“ (LS 243)

Schließlich legt uns die katholische Liturgie die erste Schöpfungserzählung (Gen 1,1-2,4a) als ersten Bibeltext der Osternachtfeier vor. Dort wird erzählt, wie Gott die Welt erschafft und allen Lebewesen einen Platz im Lebenshaus der Schöpfung gibt. Damit sie dort leben können, brauchen sie vor allem eines: Licht. Deswegen ist das erste, was Gott erschafft, das Licht (Gen 1,3). All seinen Geschöpfen soll es leuchten. Wenn nun ausgerechnet dieser Text in der Osternacht gelesen wird, unmittelbar nach dem Entzünden und Besingen der Osterkerze, die in die dunkle Nacht hinausleuchtet, dann schließt dies ein: Dass das Licht des Ostermorgens, das Licht der Auferstehung, allen Geschöpfen erstrahlt. Für sie alle ist Christus gestorben. Ihnen allen schenkt er sein Leben.

Liturgische Überlegungen

Damit deutet sich schon an, dass die zentralen Symboliken des christlichen Begräbnisses sowohl den Menschen als auch den Tieren gelten. Als (ethischer) Grundsatz gilt: Gleiches soll gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden. Das Tier soll nicht vermenschlicht werden, denn das wäre unter seiner Würde ebenso wie unter der Würde des Menschen. Das Tier soll auch nicht „getauft“ werden, denn die Sakramente sind nur für jene Menschen da, die ihr Leben aus freiem Entschluss mit dem Gott Jesu Christi gestalten wollen. Aber Menschen und Tiere sind Gottes Geschöpfe - und damit haben sie mehr Gleiches als Ungleiches, mehr Verbindendes als Trennendes. Mehr noch: Während sich manche Menschen bewusst nicht für den christlichen Glauben entschieden oder bewusst von ihm abgewandt haben, haben Tiere keine derartige Entscheidung getroffen. Sie ähneln in dieser Hinsicht Menschen, die nicht getauft werden konnten, aber aus guten Gründen ein von der Kirche gestaltetes Begräbnis erhalten wie etwa totgeborene Kinder.

Was ergibt sich aus diesen Grundsätzen konkret für die Symbole und Rituale der Begräbnisliturgie? Das Unterscheidende zwischen Mensch und Tier tritt vor allem dort zutage, wo die ekklesiologische Dimension der Trauerfeier eine Rolle spielt, wo es also um die Mitgliedschaft des/ der Verstorbenen in der Gemeinschaft der Kirche und seine bewusste Entscheidung für den christlichen Glauben und die christliche Glaubensgemeinschaft geht. Das ist insbesondere beim Requiem der Fall. Hier soll der Sarg des/ der Verstorbenen nach Möglichkeit ein letztes Mal vor dem Altar stehen und sichtbar machen, dass der/ die Verstorbene als getaufteR ChristIn zum Tisch des Herrn geladen war und an seinem Mahl teilgenommen hat. In den Gebeten des Requiem wird das mehrfach betont. Ein Requiem für ein Tier oder seine Aufbahrung in der Kirche würde Ungleiches gleich machen. Will man dem Tier gerecht werden, muss man darauf verzichten. Das sieht übrigens auch die Episkopalkirche so, die ein Requiem für Tiere ablehnt, aber Gebete bei Tierbestattungen offiziell erlaubt hat.

Anders ist dies bei den Symbolen und Ritualen, die die Begräbnisfeier auf dem Friedhof prägen. Hier bezieht sich die Liturgie kaum auf die Kirchenmitgliedschaft des/ der Verstorbenen und seine/ ihre Einbettung in die Glaubensgemeinschaft der ChristInnen, sondern vielmehr sehr ausführlich auf das Geschöpfsein, von dem sie bezeugt, dass es in die Erlösung hineingenommen ist. Das Geschöpfsein aber haben Mensch und Tier gemeinsam:

1. Die Osterkerze leuchtet Mensch und Tier;

2. Das Kreuz Christi ist aufgerichtet zur Erlösung von Mensch und Tier, wie es am großartigsten das Mosaik der Basilika San Clemente in Rom (um 1100) ausdrückt, in dem das Kreuz als Lebensbaum Menschen und Tieren Raum und Leben schenkt. Warum also sollte man über einem Tiergrab kein Kreuz aufrichten? Auf dem Grab eines Menschen ist das Kreuz ein Zeichen für zweierlei: Erstens für den Glauben dieses Menschen und zweitens für die Hoffnung der Trauernden, dass der Verstorbene in das Kreuzesleiden Jesu, aber auch in sein damit eröffnetes Heil hineingenommen ist. Beim Tier fällt der erste Aspekt weg, der zweite aber bleibt bestehen: Die Bestimmung des Tieres aus der Sicht der TierhalterInnen. Wenn diese wie Paulus und Papst Franziskus und viele andere davon überzeugt sind, dass Christus für alle Geschöpfe gestorben ist, ist das Kreuz ein Zeichen der Hoffnung für die Menschen wie für die Tiere und kann auf einem Tiergrab verwendet werden14;

3. Der Erdritus verbindet Mensch und Tier ohnehin, denn beide sind aus Erde gemacht, und beide kehren zur Erde zurück (Gen 2-3). Das ist das Elementarste, was Mensch und Tier verbindet. „Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht; er gleicht dem Vieh, das verstummt.“ (Ps 49,13) Und an anderer Stelle:

„Was die einzelnen Menschen angeht, dachte ich mir, dass Gott sie herausgegriffen hat und dass sie selbst daraus erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind. Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiß, ob der Atem der einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt?“ (Koh 3,18-21)

4. Aber sogar das Weihwasser kann man theologisch gut begründet für Tierbestattungen verwenden. Einzig die deutenden Worte müssen anders gewählt werden. Tiere sind nicht getauft, und eine Taufe machte auch keinen Sinn für sie. Aber lebende Tiere werden ganz offiziell mit Weihwasser gesegnet und damit unter das Heilshandeln Gottes gestellt. Warum sollte man ihnen dasselbe Wasser im Tod verweigern? Dann wären tote Tiere schlechter gestellt als Autos, Häuser und andere Gegenstände, die wir problemlos mit Weihwasser besprengen.

Mit anderen Worten: Die Rituale des christlichen Begräbnisses kann man mit Ausnahme des Requiems auch für christliche Tierbestattungen verwenden, denn sie bezeichnen das, was nach christlicher Überzeugung Tieren und Menschen gleichermaßen zu eigen ist. Nur die erklärenden Worte müssen anders formuliert werden.

Aber sollen Mensch und Tier auf demselben Friedhof, womöglich sogar im selben Grab bestattet werden? Noch scheitert das meistens an den Bestimmungen der Friedhofsordnung. Doch in Essen und in Braubach bei Koblenz gibt es bereits zwei private Friedhöfe, deren Satzung die Beisetzung von Urnen mit menschlicher und Urnen mit tierlicher Asche in einem Grab zulässt. Und es werden sicher mehr werden. Ist hier die Grenzlinie für eine kirchliche Beteiligung überschritten? Ich sehe dafür keinen Grund. Tiere gehören oft genauso zur Familie wie Eltern und Kinder. Warum sollen sie nicht auch im Familiengrab bestattet werden? Friedhöfe waren zu allen Zeiten Bild der geltenden sozialen Beziehungen und Verhältnisse. Wenn Tiere heute enger in die Familie einbezogen werden als früher, dann ist es nur logisch, dass sich das auch in der Bestattungskultur manifestiert. Und schließlich müssen wir zugeben: Es hat ja bereits Zeiten gegeben, in denen die Kirche Mensch und Tier in einem Grab bestattet hat. Völlig neu ist diese Praxis nicht.

Was also ist von dem Argument zu halten, die menschliche Trauer um ein liebgewonnenes Tier brauche seelsorgliche Begleitung, aber kein Begräbnis? Ich halte es für verfehlt. Die Alternative „Seelsorgliche Begleitung oder Ritual“ steht der Kernidee des Christlichen fundamental entgegen. Klassisch betrieb das Christentum Seelsorge durch Rituale und mit ihnen. Es gibt keinen theologischen Grund, das in der vorliegenden Frage anders zu handhaben.

Der säkulare Trend zu Tierbestattungen ist immens. Man kann ihn als ein Zeichen der Zeit bezeichnen. Die Kirchen sollten dieses Zeichen wahrnehmen und sich fragen, wie sie es aufgreifen und gestalten können anstatt sich einem sehr menschlichen Bedürfnis zu verschließen:

„Die Tierbestattung, insbesondere in der Nähe des Menschen, könnte dann als Ausdruck der Gemeinschaft und des gemeinsamen Schicksals von Menschen und (lebenden) Tieren, der Solidarität mit der belebten Umwelt gedeutet werden“15.

Pastorale Überlegungen

Um welche Tiere geht es? Für welche soll eine Tierbestattung angeboten werden? Hier wird man keine klare Grenze ziehen können, die bestimmte Tierarten einund andere ausschließt. Das Kriterium wird vielmehr die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Tier sein: Rituell bestatten wird man solche Tiere, zu denen die TierhalterInnen ein enges persönliches Verhältnis hatten, die gleichsam „zur Familie“ gehörten. Da ist über Jahre eine Beziehung gewachsen. Das Tier hat einen vom Menschen gegebenen Namen, eine vom Menschen wahrgenommene und geliebte Individualität und spielt im Herzen des Menschen auch nach seinem Tod eine unverwechselbare Rolle. Der Mensch hat seinerseits für dieses Tier im Unterschied zu Wildtieren eine besondere Verantwortung übernommen, und zwar eine Verantwortung anderer Art als bei Nutztieren. Es ist eine Verantwortung analog zur Verantwortung von Eltern gegenüber ihrem Kind und nicht analog zur Verantwortung von ArbeitgeberInnen gegenüber ArbeitnehmerInnen.

Wer immer eine liturgische Assistenz für eine Tierbestattung leistet, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, wird sich bewusst machen müssen, dass Tierbestattungen für viele Glaubende noch fremd sind und von ihnen gefühlsmäßig eher abgelehnt werden. Das ist kein Argument gegen eine Tierbestattung, wohl aber für die Anwendung pastoraler Klugheit. Eine bewusst einfach gehaltene Form kann wirksamer und hilfreicher sein, wenn sie von allen, den Anwesenden wie den von ihr Kenntnis erhaltenden Abwesenden akzeptiert werden kann. Hier sollte jede handelnde Person das nötige Fingerspitzengefühl an den Tag legen.

Zur Gerechtigkeit der Gleichbehandlung von Gleichem und Ungleichbehandlung von Ungleichem sowie der pastoralen Klugheit und Maßhaltung angesichts gewachsener religiöser Gefühle gehört aber als vierte Kardinaltugend auch die Tapferkeit unerlässlich hinzu. Es gilt, mutig neue Wege zu gehen, auf die Bedürfnisse der TierhalterInnen zu hören und nicht vor lauter Feigheit in alten Bahnen zu verbleiben.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Kirchen behutsam, aber merkbar eine neue Sicht der Tiere angeeignet - eine Sicht, die uralt ist und die Ursprünge des jüdisch-christlichen Glaubens berührt, die aber über viele Jahrhunderte vergessen war. Jetzt wird sie aufs Neue wirksam und öffnet Türen zu neuen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Diese sollen sichtbar machen, was es bedeutet, dass auch die Tiere „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) gerufen sind.



1 Simon J. M. Davis / Francois R. Valla, Evidence for the domestication of the dog 12,000 years ago in the Natufian of Israel, in: Nature 276 (1978) 608-610; Darcy F. Morey, Burying key evidence: the social bond between dogs and people, in: Journal of Archaeological Science 33 (2006) 158-175.
2 Vgl. Dirk Preuß, Katholische Friedhöfe (auch) für Tiere?, in: Stimmen der Zeit 233 (2015) 769-778.
3 Vgl. Jens Feld, Tiere haben eine Seele - Menschen einen Gott. Kiel 2011.
4 So die Presssprecherin des Bistums Limburg, Patricia Arndt, in einem Artikel der Rhein-Zeitung, abrufbar unter: ‹www.rhein-zeitung.de/region/lokales/diez_artikel,-katholische-kirche-gegen-christlichetierbestattung-_arid,271145.html›.
5 Wilfried Steller, Tiere brauchen keine Religion, abrufbar unter: ‹http://evangelischesfrankfurt.de/2011/10/tiere-brauchen-keine-religion/›.
6 Zit. nach: ‹www.rhein-zeitung.de/region/lokales/diez_artikel,-katholische-kirche-gegen-christlichetierbestattung-_arid,271145.html›.
7 Vgl. ‹www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/keine-christliche-bestattung-fuer-tiere.html›.
8 Zit. nach: ebd.
9 Vgl. ‹www.anglican.ink/article/episcopal-church-agnostic-resurrection-animals›.
10 Vgl‹www.episcopalchurch.org/files/documents/prayers_suitable_for_use_in_church_or_other_gatherings_for_beloved_animals.pdf›.
11 Vgl. Michael Rosenberger, Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier. Eine christliche Tierethik. München 2015, 14-38.
12 Ebd. 134.
13 Vgl. hierzu besonders Christoph Amor, Ist der Himmel auch für Tiere offen?, in: GuL 89 (2016) 268-273; ders., Kommen Tiere in den Himmel?, in: Martin M. Lintner, Der Mensch und das liebe Vieh. Innsbruck 2017, 243-252; vgl. ebd. Martin Lintner: 224-242.
14 Vgl. Martin Lintner, Kreuz auf dem Grab der Katz‘, in: Dolomiten, 6. 6. 2017, 11.
15 Preuß (Anm. 2) 772.


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