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Püttmann, Andreas: Wie katholisch ist Deutschland ... und was hat es davon?



Püttmann, Andreas: Wie katholisch ist Deutschland … und was hat es davon? Paderborn: Bonifatius 2017, 239 S. Gb. 16,90.

Der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann ist in den letzten Jahren zu einer sehr vernehmlichen und viel gefragten katholischen Stimme in der deutschsprachigen Öffentlichkeit geworden. Auch in dieser Zeitschrift hat er bereits Spuren hinterlassen (vgl. StdZ 10/2016) Seine Botschaft lautet zunächst, kurz gesagt: Ja, Deutschland hat etwas von seinen Katholiken. Der Katholizismus in Deutschland ist „eine Bastion für den Schutz des menschlichen Lebens … Er hat in den Legitimitätskrisen der demokratischen Staatsgewalt Bürgerloyalität bewiesen, auch wenn er politische Entscheidungen für ethisch falsch hielt, und hat den Rechtsgehorsam klar gegen Widerstandsrhetorik verteidigt … Er hat die Chance der Wiedervereinigung klug und konsequent genutzt und gemessen an seinem gesellschaftlichen Gewicht in den neuen Bundesländern herausragend mitgestaltet … Er dient als Kirche und in der Politik der sozialen Integration durch Impulse für Familiensinn, gesellschaftliche Solidarität und religiöse Toleranz. Er sorgt dafür, dass unserer säkularisierten Gesellschaft der ‚transzendente Atem‘ nicht ausgeht …“ (183 f.)

Püttmann vertieft und aktualisiert in Teil II (130-189) der vorliegenden Publikation diesen und weitere Befunde, die er schon 2010 in seinem Bestseller „Gesellschaft ohne Gott“ - aber ohne konfessionelle Fokussierung - mit reichlich empirisch/statistischem Material anschaulich und differenziert untermauert hatte. Er gleitet nicht in katholischen Triumphalismus ab. So wie Konrad Beikircher jeden Rheinländer für „chromosomonal katholisch“ hält, schätzt Püttmann die „Ökumene der Frommen“ (9) unter Protestanten und Katholiken in Deutschland; sein Text ist offen für das „chromosomonal Christliche“; seine „katholische Leistungsschau“ ist frei von antiprotestantischen Klischees, zumal Püttmann auch im Vergleich zwischen den Konfessionen nicht verschweigt, an welchen Stellen der Protestantismus in Deutschland besser dasteht als der Katholizismus. Nicht zufällig schließt das Buch mit dem Abdruck einer Predigt, die der Autor am Reformationstag 2016 über die „Freiheit eines Christenmenschen“ in der evangelischen Johanniskirche in Mönchengladbach hielt (228-238).

Püttmann ist im Übrigen auch zu klug, um in die Falle einer gesellschaftspolitischen Funktionalisierung von religiösen Bekenntnissen zu tappen. Mit Bezug auf Walter Kerber SJ hält er daran fest, dass der Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens nicht in gesellschaftlichen Funktionen aufgeht. Die Früchte des Glaubens würden ohne Glauben auf Dauer nicht reifen. Man relativiert aber nicht den Wahrheitsanspruch des Glaubens, wenn man auf seine Früchte in der sozialen und politischen Praxis hinweist.

Püttmann ist in der „rheinischen Republik“ groß geworden, und er ist ein Gewächs der rheinisch-katholisch geprägten CDU, wie in Teil I (13-129) deutlich wird, dem die biografische Prägung anzumerken ist. Das ist keine Schwäche des Textes, sondern eher eine Stärke. Abschiedserfahrungen und Fremdeln mit dem Wechsel in die eher protestantisch-preußisch geprägte Berliner Republik (vgl. dazu 19-23) sind ihm persönlich nicht fremd. Deswegen kann er solche Gefühls- und Stimmungslagen auch mit Empathie bei anderen nachvollziehen und nachzeichnen, gerade auch in der CDU unter den neuen atmosphärischen Bedingungen nach dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin. Besonderen Raum in Teil I nehmen das Pontifikat von Benedikt XVI. und seine Wirkungen in Deutschland ein, von der BILD-Begeisterung des „Wir sind Papst“ bis hin zu der harten Kritik, die dem Ratzinger-Papst gerade auch in seinem Heimatland entgegenschlug (41-107).

Püttmann ringt in diesem Kapitel um Orientierung. Einerseits bleibt er seiner nach wie vor ausgeprägten Verehrung für und inhaltlichen Übereinstimmung mit dem Theologen auf dem Papstthron treu. Andererseits drückt er sein Befremden gegenüber jenen „Ratzingerianern“ aus, deren behauptete Papsttreue sich inzwischen in eine Bergoglio-/Franzsiskus-kritische „Romtreue“ gewandelt hat. Es gelingt ihm daher nicht mehr, sich lagerpolitisch klar zu verordnen - was ihm hoch anzurechnen ist. Er erklärt seine Position zwischen den Stühlen auch mit seinem publizistischen Ethos: Ein Publizist habe sich tendenziell „antizyklisch“ zu verhalten, nach Thomas Manns Diktum: „Ich lehne mich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu kentern droht - und umgekehrt“ (10).

Zwei Ereignisse sind es dabei besonders, die ihn definitiv aus dem Tritt lagerpolitischen Denkens herausbringen: Der „Glaubwürdigkeits-GAU“ des Missbrauchsskandals 2010 (69-82) sowie die „Limburger Geisterfahrt“ (83-91), bei der die Unterstützer des Limburger Bischofs Tebartz van Elst plötzlich jenen moralischen Relativismus praktizierten, gegen den sie zuvor mit Ratzinger zu Felde gezogen waren. Am Vorrang der Treue zur Wahrheit vor lagerpolitischen Interessen scheiden sich für Püttmann die Geister, gerade auch was die publizistische Begleitung dieser Vorgänge betrifft.

Die Frucht dieser Klärung ist das Kapitel III: „Kirche und Demokratie vor neuen Herausforderungen.“ (190-227). Die Botschaft lautet, kurz gesagt: Der Katholizismus ringt erneut um sein Verhältnis zur Demokratie. Wer hätte das zu Zeiten der „rheinischen Republik“ für möglich gehalten? Püttmanns Sorge ist, dass antidemokratische Entwicklungen im Katholizismus innerkatholisch übersehen oder verharmlost werden, zumal es auch den einen oder anderen Kleriker oder gar Bischof geben mag, der anfällig ist für die Schalmeien-Töne der Autoritären auf der nationalen und internationalen Bühne. Das Schifflein Petri droht jedenfalls „nach rechts zu kentern“ (s.o.). Also lehnt sich Püttmann auf die andere Seite. Er nennt die Dinge und auch die Personen beim Namen, die sich als Katholiken und im Namen des Katholizismus dem autoritären Denken zugewandt haben. Er zeigt die „katholischen“ Argumentationshilfen für völkisches Denken und gruppenbezogene Ressentiments auf und zitiert katholische Autorinnen und Autoren, die zu einer neuen Allianz der Rechten beitragen.

Püttmann unterscheidet mit der angloamerikanischen Politikwissenschaft zwischen politics (Prozess), policy (Inhalt) und polity (Form). „Teilweise für Christen verlockende policy-Angebote, etwa zum Leitbild der traditionellen Familie oder zum Schutz des vorgeburtlichen Lebens“ (211) werden von der Rechten benutzt, um die Akzeptanz der „polity“, der Entscheidungsverfahren in der rechtstaatlichen Demokratie, zu unterlaufen. Das Prinzip lautet: Wenn der Output von Rechtsstaat und Demokratie nicht stimmt, dann darf man neue Wege beschreiten, um zum richtigen Output zu gelangen. Das ist die klassische Situation der „Versuchung“ - Thema für eine politische Unterscheidung der Geister.

Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang Püttmanns Wahrnehmung, dass der Zuspruch zur AfD unter kirchenfernen Katholiken größer ist als unter kirchennahen, und dass gänzlich Kirchenfremde sich verbünden mit einer lautstarken Minderheit von „besonders katholisch“ sich „Dünkenden“ (210). Hier kommt eine brisante Mischung zusammen: Die Verachtung des normalkatholischen Gemeindelebens in oberkatholischen reaktionären Milieus trifft sich mit kirchenfernen Katholiken, für die sich „das katholische Ordnungs- und Autoritätsdenken religiös sinnentleert als kognitive Struktur für Homogenitätsvorstellungen der politischen Rechten … eignet.“ (210)

Es verwundert nicht, dass Püttmann mit solchen Analysen und vor dem Hintergrund seiner politisch-intellektuellen Entwicklung im rechtskatholischen Milieu als „Verräter“ gesehen und zur Hassfigur gemacht wird. Man schaue nach bei kath.net usw., um zu begreifen, was ein Publizist auf sich nehmen muss, wenn er sich dem autoritären Gestus dieses Milieus mit offenem Visier entgegenstellt. Da kann es dann auch manchmal einsam um einen werden. Doch es mag Püttmann trösten, dass er sich inzwischen in bester Gesellschaft befindet. Auch Papst Franziskus schlagen inzwischen der Hass und die Verachtung der katholischen Autoritären entgegen. Es gibt eben eine Schmach, die Ehre ist.

Klaus Mertes SJ
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