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Evelyn Bokler

Dschihadismus

Der "Islamische Staat" und seine Anknüpfungsfähigkeit in Orient und Okzident

Was haben der Anführer der islamistischen Terrororganisation „IS“, und Christian Emke aus Solingen gemeinsam? Evelyn Bokler erforscht Terrorpropaganda, Religionssoziologie und internationale Politik, um herauszufinden, was den Dschihadismus nicht nur im Orient, sondern auch im Abendland für manche so attraktiv macht.

Wer die Propaganda des „Islamischen Staates“ und die Wutpredigten der Dschihadisten sieht und hört, ist entsetzt über den erbarmungslosen Hass und die gewaltsame Kompromisslosigkeit der sogenannten Gotteskrieger. Das Töten der ausgemachten Gegner scheint den Henkern gleich einem leidenschaftlich zelebrierten Gottesdienst des Todes. Es wird geköpft, gesteinigt, gekreuzigt, erschossen und verbrannt. Die Schlachtfelder des Iraks und Syriens sind dschihadistische Tempel des Todes, wo die Anhänger in Form von Massenexekutionen ihre Messen zelebrieren.

Woher nur kommt dieser Hass, dieser Vernichtungswahn, der sich schließlich bis zum Selbstopfer des Selbstmordattentäters steigert, der in seinem gewaltsamen Tod und dem seiner Mitmenschen das heilbringende Martyrium für seine erlösungsbedürftige Seele sieht und den direkten Einzug ins Paradies wahnhaft zu erkennen meint? Und wieso scheint er westliche Jugendliche ebenso anzusprechen wie Iraker, Saudis oder Afghanen, die in unterschiedlichen Kulturräumen sozialisiert wurden? Was haben Abu Bakr Al-Baghdadi und der IS-Konvertit Christian Emke alias Abu Qatadah aus Solingen gemein, was vermag sie zu verbinden? Ist es Gläubigkeit, ist es Kriminalität oder beides? In jedem Falle fühlen sich beide einer gemeinsamen Ideologie verpflichtet: dem IS-Dschihadismus. Aus welchem Stoff ist diese Ideologie gewebt und wo können wir sie ideengeschichtlich verorten?

Vorab sollten die Termini geklärt werden. Zunächst begegnet uns der Begriff des Islamismus, der dem IS-Dschihadismus übergeordnet ist. Dieser wird hier, nach Tilmann Seidensticker, wie folgt verstanden: „Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat und Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“ Diese Definition ist besonders geeignet, da sie zwei entscheidende Aspekte enthält. Zum Einen das Wort Bestrebung als Versuch, mithilfe verschiedenster Aktivitäten etwas zu erreichen, sei es langfristig, sei es kurzfristig, friedlich oder gewalttätig - ein breites Handlungsfeld wird hier eröffnet. Zum anderen ist es die Feststellung, dass etwas vom Akteur als islamisch angesehen wird, ohne eine Aussage darüber zu treffen, ob es nun tatsächlich islamisch ist oder nicht. Diese Definition ist daher besonders geeignet für die politische Analyse des „IS“, denn hier ist ebenfalls entscheidend, was der Akteur fühlt oder denkt und weniger die textexegetische Frage, ob er in einem theologischen Sinne etwas richtig oder falsch versteht.

Der Dschihadismus wiederum ist eine extrem gewaltsame Unterform des Islamismus, der den Dschihad, d.h. den Heiligen Krieg, in den Mittelpunkt seiner Lehre rückt. Zu Recht bezeichnet der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker den Dschihadismus des „Islamischen Staates“ auch als Theologie der Gewalt, da die Gewalt und der Krieg im Mittelpunkt seiner fanatischen Glaubenslehre stehen.

Was bedeutet dies nun für die Denkstruktur des Dschihadismus? Es bedeutet, dass anhand seines Weltbildes das Verhalten der Anhänger nicht nur erklärbar, sondern auch in gewissem Maß antizipierbar ist. Es bedeutet nicht, dass jeder radikale Gewalttäter, der im Namen einer islamistischen Ideologie „aktiv“ wird, vor allem und besonders gläubiger Anhänger sein muss. Die Radikalisierungsforschung zeigt uns dies und das soll auch nicht Gegenstand dieses Textes sein. Es geht vielmehr um die Denkstruktur, anhand derer sich Ähnlichkeiten zwischen Anhängern des IS in Syrien sowie dem Irak und Deutschland identifizieren lassen. Dies liegt vor allem an der hohen Anknüpfungsfähigkeit des Dschihadismus, dessen Denk- und Argumentationsmuster tief im gemeinsamen religiös-kulturellen Gedächtnis des Abend- und des Morgenlandes verwurzelt ist. Um dem Argument folgen zu können, ist ein weiter Rückblick in die Vergangenheit nötig, bis dahin, wo er sich fast im Dunkeln des Ungewissen und historisch schwer Rekonstruierbaren verliert.

Zu Beginn der kleinen Tour d‘Horizon stehen die Denkanfänge der Menschheitsgeschichte mit der historischen Figur Zarathustras. Zarathustra war ein iranischer Philosoph, der zwischen 1600 v. Chr. und 600 v. Chr. im alten Persien lebte und von dem wenig, außer seiner bahnbrechenden Philosophie, überliefert ist. Auch wenn es schwer ist, herauszudestillieren, was genau von Zarathustra formuliert wurde und was später durch seine Anhänger hinzugefügt wurde, hat wohl durch das Aufkommen seiner Philosophie ein grundsätzliches Umdenken eingesetzt.

Während die altorientalischen Religionen bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgingen, dass der Weltenlauf einem zirkelartigen Werden und Vergehen analog zum Jahreskreis glich, brach wohl Zarathustra dieses kreislaufartige kosmologische Geschichtsverständnis auf und streckte es hin zu einem linearen Prozess: Der Weltenlauf kannte so einen Anfang in der Vergangenheit und nahm in der Zukunft ein Ende. Das bunte und vielfältige Pantheon der alten Götter reduzierte Zarathustra auf den einen Gott Ahura Mazda, den Herrn der Weisheit, der die Welt schuf. Er wies ihm so einen erhabenen Rang zu, den bis dahin keine Gottheit in der Alten Welt kannte. Ahura Mazda stellte Zarathustra einen Widersacher und Störer der guten Ordnung entgegen: Angra Mainyu, das aktive Böse, zwar unterlegen, zugleich aber wirkmächtig. Das ganze Sein wurde dem persischen Denker zur allmählichen Umsetzung eines göttlichen Planes, welcher mit der Vollendung der Welt im Guten seinen Abschluss finden sollte.

Vielleicht war diese Revolution im Weltbild der Menschen bzw. das, was wir rekonstruieren können, die größte, welche die Menschheitsgeschichte, zumindest die des Alten Orients, der Antike und dem auf ihnen aufbauenden Morgen- und Abendland bisher erleben sollte. Denn das Denken der Zarathustrianer bewegte sich innerhalb dieses linearen Prozesses in einem streng dualistischen Weltbild, welches das Diesseits in Gut und Böse aufteilte und den Menschen die Wahl überließ, sich für das Gute oder für das Böse im Kampf gegeneinander zu entscheiden. Er vermittelt so auch einen Sinn für das menschliche Dasein und vermochte existentielle Fragen nach dem „Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Wohin gehen wir nach dem Tod?“ zu beantworten.

Welchen weiteren Verlauf die Ideengeschichte nahm, die dieses zarathustriansche Denkmuster in sich aufgenommen hatte, kann hier nicht nachgezeichnet, sondern nur angedeutet werden: Die Juden, die geografisch in engem Kontakt zu den Zarathustrianern standen, fanden Gefallen an dieser Idee und inkorporierten sie in ihre eigene monotheistische Religion des einen Gottes Jahwe. Das Christentum, zunächst als eine Art endzeitliche Sekte dem Judentum entwachsen, übernahm ebenfalls die entscheidenden dualistischen Annahmen eines Kampfes von Gut (Gott) gegen Böse (Teufel) und lud sie zusätzlich in höchstem Maße eschatologisch auf.

Jesus sprach unzählige Male vom Ende der Welt, vom Hereinbrechen des Reichs Gottes und inspirierte so zum Beispiel Johannes zu seiner bildgewaltigen „Offenbarung“ im Neuen Testament, welche das Weltenende sowie das Jüngste Gericht in grellsten und brutalsten Farben zeichnete: als eschatologischen, existentiellen Endkampf in Harmagedon, der von allen Menschen, gleich welchen Alters, Geschlechts oder welcher Herkunft, geführt werden müsse und entweder mit Hölle und Verderben ende oder mit der Erlösung im vollkommenen Reich Gottes. Auch hier hat der Mensch die Wahl, sich zu Gott und dem Guten zu bekennen, oder sich dem Bösen zu übergeben und in der Endschlacht dem Verderben anheim zu fallen. Denn Eines ist sicher: Das Gute wird siegen, wenn auch die Schlacht verlustreich sein wird. Mit Jesu Auferstehung ist die Zeit zwar „erfüllt“, aber eben noch nicht in einem Eschaton „vollendet“.

Auch abendländische Denker fühlten und fühlen sich diesem linearen Geschichtsverständnis verpflichtet. Wenn Philosophen wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ebenfalls eine allmähliche Offenbarung des Weltgeistes in der Geschichte erkennen und unter anderem seit der Französischen Revolution zudem der unbedingte lineare Fortschrittsglaube Einzug in das westliche, vor allem historizistische Denken hielt, so zeigen sie alle, dass sie in demselben Kulturraum sozialisiert wurden.

Der Geschichtsphilosoph Karl Löwith formuliert es prägnant, wenn er sagt, „daß die moderne Geschichtsphilosophie dem biblischen Glauben an eine Erfüllung entspringt und daß sie mit der Säkularisierung ihres eschatologischen Vorbildes endet“. Wobei hier Löwith um die vorchristlichen Denkmuster zu ergänzen ist. Denn wie gezeigt wurde, liegen die Ursprünge dieses linearen, heilsgeschichtlichen Geschichtsverständnisses vor den Christen sowie vor den alten Griechen und Römern.

Verbunden mit den zunehmenden Erkenntnissen über den evolutionären Prozess innerhalb der Natur spalteten sich auch die totalitären Ideologien des 20. Jahrhundert aus dieser geistesgeschichtlichen Denktradition mit einem radikalen Bruch ab. Allen gemein ist aber eine moralische Bewertung des historischen Verlaufs, eine Zweiteilung der Welt in Gut und Böse, in Richtig und Falsch, ausgetragen in einem Kampf „Gut gegen Böse“, „Proletarier gegen Kapitalisten“, „Arier gegen Juden“. Es hatte eben die Moral Einzug in das Geschichtsverständnis gehalten. Schließlich ist nicht zwingend davon auszugehen, dass ein moralischer Antagonismus zwischen Gut und Böse existiert, der sich in der Geschichte manifestiert und in einem Endkampf aufgelöst werden muss.

Weiter also setzte sich das dualistische Denkmuster nach den Anfängen des Christentums fort und wird im Orient auch in die letzte der drei abrahamitischen Religionen inkorporiert: in den Islam des Morgenlandes. Auch er stellt den Menschen vor die existentielle Wahl, sich für Gott und somit für das Gute zu entscheiden oder eben dem Teufel und somit dem Reich des Bösen zu dienen. Das Ende der Weltzeichnet Mohammed, der abrahamitischen Tradition verpflichtet, ebenfalls in grellen und grausamen Farben. Ihm gehen die „kleinen und großen Zeichen“ voraus, die zwar genannt werden, aber so allgemein gehalten sind, dass sie überall in die Welt und zu jeder Zeit hineininterpretiert werden können.
„Gut gegen Böse“ - Dualismus in Büchern, Filmen und Computerspielen
Der heutige Islamismus und mit ihm der IS-Dschihadismus bewegen sich in dieser eschatologischen Denktradition, welche der Geschichte einen Kampf zwischen dem Guten, Allah, und dem Bösen, dem Teufel, zugrunde legt und so eine eschatologische Teleologie definiert. Die koranische Losung „al-wala` wa-l-bara`“, was so viel wie „Loyalität und Lossagung“ bedeutet und die Integration nach innen, innerhalb der rechtgläubigen umma und die Abgrenzung nach Außen, zu denen, die nicht dazu gehören, umfasst, fügt sich hier bestens ein.

Eines wird in diesem kleinen Exkurs deutlich: Das islamistische Narrativ eines Kampfes Gut gegen Böse im Namen eines Gottes (oder säkular gesprochen einer „Sache“) ist im Morgen- und Abendland in höchstem Maße anschlussfähig. Jeder Mensch, der in diesem gemeinsamen Kulturraum sozialisiert wird, kann mit den Bildern und Begrifflichkeiten etwas anfangen: Endkampf, Endschlacht, Ende der Zeit, Gut gegen Böse, Harmagedon (Armageddon) usw. Obschon diese in einer säkularisierten Gesellschaft wie zum Beispiel der deutschen oftmals nur noch mittels Büchern bzw. Filmen oder Computerspielen wie „Herr der Ringe“, „Star Wars“ oder „Armageddon“ tradiert werden. Die Bilder, diese kulturellen Metaphern, werden weitergegeben, prägen das Denken der Menschen sowie seine Verortung in Raum und Zeit. So werden sie nach wie vor begriffen und bieten Antworten auf die Sinnfragen des Lebens bzw. täuschen Antworten vor.

Wenn wir nun auf das islamistische Staatsbildungsprojekt „Islamischer Staat“ blicken, begegnet uns auch hier ein eschatologisch aufgeladener Kampf, der nicht nur einen Krieg um politische Machtverhältnisse bedeutet. Vielmehr wurden alle Kämpfe von Beginn an sakral aufgeladen und mit den bekannten apokalyptischen Bildern und Narrativen des Islams verwoben.

Interessant ist am dschihadistischen Argumentationsmuster für das Recht zum Dschihadismus folgendes: Die Dschihadisten sehen die Moslems als Opfer eines groß angelegten Feldzuges des christlichen Westens. Das alte Narrativ des Westens als Kreuzfahrer ist ein wirkmächtiges Bild, das jeder Moslem versteht und eine kollektive Abwehrhaltung auszulösen vermag. Aus dieser Situation der Not und der damit einhergehenden Notwehr gelte es, die eigene Gemeinschaft, die Umma, zu schützen und unbedingt zu verteidigen. Für diesen Verteidigungskrieg seien alle Mittel erlaubt, da der Gegner übermächtig und böse sei.

Die Dschihadisten seien folglich nicht die Aggressoren, sondern in die Defensive geratene Opfer, die existentiell bedrängt würden und nun als Helden einen Freiheitskampf für Allah und die islamische Gemeinschaft kämpften. Nicht sie hätten den Krieg angefangen, sondern der ungläubige Westen. Da sich die Gemeinschaft der Muslime in Bedrängnis sehe, bestünde eine Defensivpflicht des Einzelnen (fard ‘ayn) im Rahmen eines Dschihads. Der Dschihadismus diene so der Befreiung muslimischer Länder von westlicher Besatzung, der Beseitigung abtrünniger Herrscher sowie der Bereinigung muslimischer Gesellschaften von Häresie. Und wer sich am Dschihad beteilige, sichere sich den Platz im Paradies - als Märtyrer sogar auf direktem Weg, „fi sabili Llah“. Die dschihadistische Rechtfertigungsstrategie stellt einen kaum zu überschätzenden Aspekt der ideologischen Strahlkraft dar.

Da die westliche Nah-Ost-Politik der letzten 150 Jahre, d.h. vor allem seit Beginn des Imperialismus, durch massive politische Einmischung viel Kritikfläche bietet, können sich zahlreiche Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn in Deutschland, das heißt nicht nur Moslems, mit vielen dieser Thesen identifizieren. Vor allem die hohe Opferzahl der Zivilbevölkerung in den letzten Jahrzehnten bietet objektive Kritikmöglichkeiten an einer westlichen Politik, die im Namen einer besseren Gesellschaftsordnung und angeblich höherer Werte interveniert und Kriege führt. Mit dem Ergebnis, dass allein im Irak 500.000 Kinder den von den UN ausgesprochenen Sanktionen zum Opfer gefallen sind - und dies noch vor der US-Invasion 2003, die zudem einen blutigen Bürgerkrieg sowie eine völlig zerstörte und zerrüttete Gesellschaft hinterließ.

Es war der perfekte Nährboden für den „IS“. Wenn die ehemalige US-Verteidigungsministerin Madeleine Albright 1997 auf die Frage, ob die Sanktionen das wert gewesen seien, mit „Ja“ antwortet, dann wirkt dies wie ein Brandbeschleuniger auf die Hasspredigten der Dschihadisten. Sie müssen diese Statements nur noch zitieren und in ihr religiös-politisch aufgeladenes Narrativ des Verteidigungskrieges „der armen Moslems gegenüber dem bösen christlichen Westen, der Krieg gegen den Islam führt“ einfügen. Wie leicht dies fällt, zeigt der hohe Zuspruch, den die Islamisten im Allgemeinen in den vorwiegend sunnitisch geprägten Regionen Syriens und des Iraks erhalten.

Ein weiteres islamistisches Narrativ erklärt die hohe Anknüpfungsfähigkeit unter vielen Moslems, sei es im Nahen Osten, sei es vor Ort in Deutschland: die Idee des Kalifats. Unter Sunniten ist dieses Gesellschaftskonzept bereits seit dem Anbeginn des Islams eine Projektionsfläche ihrer sozioreligiösen sowie sozialgesellschaftlichen Träume. Die Hoffnung auf ein Kalifat, in dem alle Sunniten geeint unter der Herrschaft des Kalifen leben können, begleitet als soziale Utopie die sunnitische Gemeinschaft seit Anbeginn.

Nun, da die nachkoloniale Staatenbildung im Nahen Osten in großen Teilen gescheitert ist, scheint die Sehnsucht nach dem Kalifat, das formal schließlich 1923/24 radikal von Atatürk abgeschafft wurde, übergroß. Vor allem mit Blick auf die Islamische Republik des schiitischen Irans seit 1979 ist es vielen Sunniten noch mehr zur Herzensangelegenheit geworden: Ein eigenes sunnitisches Kalifat, in dem das Recht Gottes herrscht und die Sunniten, geschützt vor allen feindlichen Einflüssen und Angriffen, ein gottgefälliges Leben gemäß der Scharia führen können.

Genau das verspricht der „IS“: Er etabliere endlich dieses sunnitische Kalifat, in dem das Gesetz Gottes konsequent wie zu Zeiten Mohammeds sowie der ersten vier Kalifen umgesetzt werde. Dieses Kalifat sei nicht nur ein Symbol, sondern verkörpere die Wiedergeburt des Islams. Der „IS“ errang in kürzester Zeit nicht allein aufgrund militärischer Siege sein großes Territorium. Er vermochte auch ohne Waffengewalt mittels Treueeiden von Stammesführern viele Städte und Dörfer seinem Herrschaftsgebiet anzugliedern. Zudem hat er ein staatsähnliches Versorgungssystem etabliert, das eine finanzielle Absicherung seiner Bürger ermöglicht. Nach Jahren des Bürgerkrieges im Irak, aber auch in Syrien, konnte diese Sozialutopie mit klarem Machtmonopol und dem Versprechen von Stabilität eine große Strahlkraft entfalten.

Und auch dies ist ein entscheidender Punkt: Es handelt sich um eine soziale Utopie. Der „IS“ ist ein politischer Gesellschaftsentwurf, der sich als gesellschaftlicher Idealzustand versteht, in einer Welt der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung. Und an genau dieser Stelle erweist sich die Sozialutopie eines „IS-Kalifats“ wieder als ansprechend auf mögliche Anhänger im Westen, nicht primär aus religiös-sunnitischer Sicht, jedoch aus gesellschaftspolitischer: Eine gerechte Ordnung soll errichtet werden. Die Frage nach der Herrschaftslegitimation ist optimal beantwortet: Gott und seine Gesetze, welche durch die Herrscher umgesetzt werden, legitimieren die politische Ordnung und ihren Machtanspruch.

Für die gezielte Ansprache von internationalen Dschihadisten veröffentlicht der „IS“ ein Internet-Magazin, das er „Dabiq“ nennt. Der Ort Dabiq ist jedem Muslim bestens vertraut. Er bezeichnet den Platz, an dem die muslimischen Armeen am Ende der Zeit in einer Endschlacht (al-malhama) auf ihre Feinde treffen. Der apokalyptische Bezug ist hier offenkundig, die gewünschte Botschaft ebenfalls. Die IS-Propagandazeitschrift greift auch das Motiv einer gerechten Gesellschaft ausführlich auf. Wer die erste Ausgabe liest, bekommt fast Sympathien für dieses Projekt des „Friedens und der Gerechtigkeit“. Alle Feinde dieser Ordnung, welche die Sunniten gleich wie in Bedrängnis geraten ließen, würden ihrer gerechten Strafe - d.h. immer Tod und Qual - zugeführt. Sie bekämen nun das, was sie durch ihr frevelhaftes Verhalten und ihre Gotteslästerlichkeit verdienten, denn sie stünden schließlich an der Seite des Bösen. Und die IS-Dschihadisten stünden auf der Seite der Gerechten, der Guten und vor allem auf Seiten Allahs.

Es sind zahlreiche Fotos dieser männerbündischen Gesellschaft abgebildet, die lachende Kämpfer zeigen und einen geradezu obszönen Heroismus zur Schau stellen: potente echte Männer, mit großen, langen Waffen in der Hand, männlich, menschlich (!) und in brüderlich-herzlichen Umarmungen vereint. Frauen spielen aufgrund der dschihadistischen Genderideologie keine Rolle im öffentlichen Raum, da das Leben geschlechtergetrennt zu führen ist. Aufgrund ihrer Chaos stiftenden erotischen Ausstrahlung ist ihr Leben auf den häuslichen Bereich beschränkt.

Was die Zielgruppe von „Dabiq“ betrifft, so ist ausdrücklich auf seine internationale Ausrichtung hinzuweisen. Die Bilderserie in der ersten Ausgabe begleitet ein Aufruf an alle Menschen weltweit, mitzumachen, auszuwandern und ebenfalls Teil dieses historischen Projekts einer durch und durch gottgefälligen muslimischen Gemeinschaft zu werden:


„O Muslims everywhere, (…). Raise your head high, for today - by Allah’s grace - you have a state and Khilafah, which will return your dignity, might, rights, and leadership.

It is a state where the Arab and non-Arab, the white man and black man, the easterner and westerner are all brothers. (…). Allah brought their hearts together, and thus, they became brothers by His grace, loving each other for the sake of Allah, standing in a single trench, defending and guarding each other, and sacrificing themselves for one another.

Their blood mixed and became one, under a single flag and goal, in one pavilion, enjoying this blessing, the blessing of faithful brotherhood.

If kings were to taste this blessing, they would abandon their kingdoms and fight over this grace. So all praise and thanks are due to Allah.”


Mit diesem Moment des „völkerverständigen Friedens“ möchte auch der „IS“ arbeiten und Anhänger gewinnen. Er schockiert nicht nur mit der Peitsche für seine Gegner, sondern sucht mit dem Zuckerbrot (potentielle) Anhänger zu verführen.
Die Apologetik des grausamen Handelns nimmt daher einen großen Stellenwert im Dabiq-Heft bzw. im Dschihadismus im Allgemeinen als Rechtfertigungsnarrativ ein. Ebenso die vermeintlich korangemäße Rechtmäßigkeit ihres Kalifats. Die IS-Dschihadisten treten mit dem religiösen Anspruch auf, im Namen eines gereinigten und puristischen Islams zu sprechen und zu handeln. Anknüpfungspunkte finden sie viele in der Geschichte des Islams sowie in seinen Quellen: dem Koran und den Hadithen.

Hier ist nicht der Ort, ihre dschihadistische Koranexegese oder ihr Islamverständnis zu beurteilen. Die Ekklektizität dieser Ideologie ist mit Sicherheit ein entscheidendes Merkmal ihrer kruden Argumentation. Diese Methode einzuordnen ist Aufgabe der Islamwissenschaft bzw. der islamischen Theologie. Für die vorliegende Analyse hingegen ist entscheidend, welche politischen Folgen sich daraus erschließen und vor allem die Feststellung, dass es dem Islamismus im Allgemeinen möglich ist, sein grausames und gewaltbereites Handeln historisch und mit Bezug auf den Koran in gewisser Weise zu rechtfertigen. So betont die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: „Von Anfang an (…) zählte der Jihad als bedingungsloser Einsatz für die Sache Gottes, der auch den bewaffneten Kampf gegen seine Feinde mit einschloß. In diesem Sinne diente der Jihad von frühster Stunde an als positiver Glaubensbeweis.“

Eine weitere Tatsache macht den Dschihadismus durch seine historische Anknüpfungsfähigkeit gefährlich, denn auch das klassische Dschihad-Recht ächtet zwar die Tötung von Zivilpersonen, lässt aber zwei Ausnahmen gelten: Zum einen die Vergeltung für Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung. Osama bin Laden zum Beispiel zieht hierfür die oben erwähnten 500.000 irakischen Kinder als Opfer heran, die aufgrund der UN-Sanktionen gestorben sind. Die zweite Ausnahme ist gegeben, wenn nur durch die Tötung von Zivilisten ein wichtiges militärisches Ziel einzunehmen ist - eine Formulierung, die zu Zeiten des Krieges höchst anpassungsfähig interpretiert werden kann. Verbunden mit dem Opfernarrativ der Moslems, die von dem ungläubigen Westen angegriffen würden, lässt sich so eine Rechtfertigung für den Dschihad gegen den Westen konstruieren, denn dann sind die westlichen Zivilisten auch nicht mehr unschuldig. Der Dschihadismus vermag nun Gewalt, Tod und Verderben religiös aufzuladen, ihnen einen existentiellen Sinn zu verleihen und so gleichermaßen zu rechtfertigen.
Dschihadismus als krankhafte Perversion der islamischen Religion
Der Dschihadismus verkörpert daher keine moderne Negation der Religion. Vielmehr ist er Ausdruck einer krankhaften Perversion der islamischen Religion, gleich einer endzeitlichen islamischen Sekte, die Erlösung durch Gewalt ins Zentrum ihrer Lehre setzt. Das ist ein Aspekt, der ihn besonders gefährlich macht, denn nichts entfacht die Leidenschaften und Leidensfähigkeiten der Menschen mehr als religiöse Inhalte, zumal wenn es sich vorgeblich um die sogenannten „letzten Dinge“, das heißt um existentielle Fragen des menschlichen Seins handelt.

Wir können nun die oben ausgeführten Beobachtungen zusammenfassen. Das Hauptnarrativ des IS-Dschihadismus ist in unserem religiös-kulturellen Raum in hohem Maße anknüpfungsfähig. Dem Abend- und Morgenland ist das Geschichtsbild eines linearen Prozesses gemein, der einen Anfang und ein Ende in einer apokalyptischen Schlacht kennt. Hier treten die Kräfte des Guten, d.h. Gottes, gegen die Mächte des Bösen, d.h. des Teufels an. Alle Menschen sind deshalb aufgefordert, einen Standpunkt zu beziehen und sich für oder gegen Gott zu entscheiden - tertium non datur.

Dieses Bild verknüpft der IS-Dschihadismus mit der sunnitischen Wunschvorstellung eines Kalifats, welches dem apokalyptischen Endkampf vorausgeht und den rechtschaffenen Sunniten einen Ort ermöglicht, wo sie ein gottgefälliges Leben im Sinne Allahs und in Vorbereitung auf das Jüngste Gericht führen können. Da es sich bei dieser Gesellschaftsordnung um eine soziale Utopie handelt, spricht sie gezielt alle Menschen weltweit an, die sich für dieses Staatsprojekt einbringen wollen. Die Herrschaftslegitimation gegenüber der Bevölkerung begründet sie in der Gottesherrschaft durch seine ewigen Gesetze, welche sie auszulegen und anzuwenden befugt sind. Nur wenn wir diese religiöse Verwurzelung erkennen, können wir die Anschlussfähigkeit des Dschihadismus, auch hier im Westen, nachvollziehen und bekämpfen - denn die Anhänger des „IS“ sind mitnichten nur Kriminelle oder nihilistische Verbrecher, auch wenn solche in diesen Reihen ebenfalls zahlreich vertreten sind. Es sind eben auch existentiell Suchende - und ihnen müssen Antworten in Form von Gegennarrativen geboten werden.

Anmerkungen

Islamismus wird hier als Synonym zu dem Begriff Salafismus verstanden.
Tilmann Seidensticker, Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen. München 2016, 9.
Vgl. Rüdiger Lohlker, Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS. Wien 2016.
Vgl. hierzu aktuell Michail Logvinov, Salafismus, Radikalisierung und terroristische Gewalt. Erklärungsansätze - Befunde - Kritik. Wiesbaden 2017; Ahmad Mansour, Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Bonn 2016.
Vgl. Bahram Varza (Hg.), Gatha - die Lehre des Zarathustra. Gut Denken. Gut Reden. Gut Handeln. Norderstedt 2008.
Kurt Goldammer (Hg.), Wörterbuch der Religionen. Stuttgart 1985, 669 f.
Norman Cohn, Die Erwartung der Endzeit. Vom Ursprung der Apokalypse. Frankfurt am Main / Leipzig 1997, 130.
Vgl. ebd. 336 f.
Vgl. hierzu grundsätzlich Karl Popper, Das Elend des Historizismus. Tübingen 1987.
Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart 2004, 12.
Nach der Hadith-Sammlung Sahih Muslim, Buch 41, Hadith 6924.
Vgl. hierzu grundsätzlich Joas Wagemakers, Salafistische Strömungen und ihre Sicht auf al-wala‘ wa-l bara‘ (Loyalität und Lossagung), in: Benham T. Said / Hazim Fouad (Hg.), Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam. Bonn 2014, 55-79.
Volker Perthes, Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Ein Essay. Bonn 2016, 103.
Christoph Günther / Mariella Ourghi / Susanne Schröter/ Nina Wiedl, Dschihadistische Rechtfertigungsnarrative und mögliche Gegennarrative (HSFK-Report 4/2016), I.
Vgl. hierzu u.a. Sure 3:169 sowie Sure 47: 4-6.
Madeleine Albright im Interview mit CBS-News (12.5.1996), auf: ‹www.youtube.com/watch?v=omnskeu-puE›.
Vgl. zur Kalifatsidee und seiner Anknüpfungsfähigkeit bei Sunniten Loretta Napoleoni, Die Rückkehr des Kalifats. Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens. Zürich 2014, besonders 13.
Olivier Hanne / Thomas Flichy de la Neuville, Der Islamische Staat. Anatomie des Neuen Kalifats. Berlin 2015, 59.
Vgl. Christine Schirrmacher, Quo vadis, Naher Osten? Entstehung und Ideologie des „Islamischen Staates“ (IS) in Irak und Syrien, in: Islam und christlicher Glaube, 15 (1/2015), 5-15.
Dabiq, 1435 Ramadan, 1. Issue, auf: ‹https://clarionproject.org/docs/isis-isil-islamic-state-magazine-Issue-1-the-return-of-khilafah.pdf›.
Ebd. 7.
Gudrun Krämer, Geschichte des Islam. München 2016, 28.
Siehe hierzu Osama bin Laden, Brief an Amerika vom 24. November 2002, in: Die Reden des Osama bin Laden. Analysiert und kommentiert von Marwan Abou-Taam und Ruth Bigalke. München 2006, 132-146, 137: „Und ihr habt unsere Zivilisten getötet, also haben wir das Recht, eure zu töten.“
Vgl. Seidensticker (Anm. 2), 111.
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